Baumkuchengeschichtenzimmer

Die Geschichte des Salzwedeler Baumkuchen

(Kurzform)

 

Salzwedel wird oft als „d i e  Baumkuchenstadt“ bezeichnet, sogar in Gourmet-Büchern auch so benannt. Da soll es eine geschickte Gastwirtstochter, namens Louise Lentz gegeben haben und einen fleißigen Bäckergesellen, Johann Andreas Carl Daniel Schernikau der ein „Conditorei-Buch“ geschrieben hat.

 

Ernst-August Garves soll einer französischen Emigrantenfamilie entstammen, er war ein ausgezeichneter Küchenmeister. Er übernahm Ende des 18. Jh. die Bewirtschaftung des Neustädter Kellers, des heutigen "Schwarzen Adlers", der unter seiner Leitung aufblühte.

Seine zweite Tochter Christiane Charlotte Elisabeth heiratete 1801 den in Salzwedel angestellten Stadtmusikus Johann Joachim Friedrich Lentz. Das Haus hieß damals "Am Markt Nr. 930".

1820 kaufte Lentz den Neustädter Keller von der Stadt. Louise wurde am 15. Oktober 1803 geboren und starb am 23. Mai 1862. Nach dem frühen Tode ihres Mannes führte Frau Charlotte Lentz allgemein bekannt als "Madame Lentz" die Wirtschaft weiter, treu unterstützt von ihrer Tochter, Madmoiselle Louise.

Vom Großvater hatte Louise die Gabe der Kochkunst ererbt. Es war ihr eine Freude , sein altes, selbstgeschriebenes Kochbuch mit den kostbaren Rezepten zu durchforschen. Dabei las sie auch von der Kunst des Baumkuchenbackens, versuchte sich daran und brachte es bald zu einer Meisterschaft in dieser Kunst.

 

Als Friedrich Wilhelm IV. am 26. Mai 1841 Salzwedel besuchte, gab die Stadt zu Ehren des Königs ein Essen, zu dem auch Baumkuchen gereicht wurde. Der Kuchen mundete dem König vorzüglich, er bat, den Rest für seine Gemahlin mitnehmen zu dürfen. Louise Lentz sandte zu Weihnachten einen Baumkuchen an den Hof nach Berlin und erhielt als Gegengabe ein herrliches Service aus Porzellan. Bald folgten Bestellungen aus Wien und Petersburg.

Der Weg in die Welt war für den Baumkuchen frei.

 

Nach Überlieferungen wird berichtet:

Sonntags nachmittags kam immer ein stiller Gast in den Schwarzen Adler, trank seine Tasse Kaffee und bestellte dazu

2 Stückchen Baumkuchen die er gedankenvoll verzehrte. Schließlich sagte er einmal zu Madmoiselle Lentz, wie Louise kurz genannt wurde: "Ich kriegs doch nicht so raus wie Sie, Mamselling." Dieser stille Gast war Friedrich Joachim Schernikow. Sein Vater Johann Christian Schernikow soll am 21. Januar 1808, im Alter von 24 ½ Jahren, zum Meister ernannt worden sein. Das Geschäft  befand sich in der Holzmarktstraße, wo es sich heute noch befindet.

So übernahm allmählich Friedrich  Joachim  Schernikow die Baumkuchenbäckerei.

 

Wieder hatte Salzwedel Königsbesuch, König Wilhelm I.. Zu dem Festessen in der Probstei hatte Schernikow einen hübsch verzierten Baumkuchen geliefert und saß nun nach getaner Arbeit zu Hause. Da kam ein Bote von der Probstei, er solle sofort zum König kommen. Der König fragte ihn, ob er den Kuchen gebacken hätte, und meinte dann, er hätte den Baumkuchen so schön aufgebaut, nun könne er ihn auch wieder kaputt machen und anschneiden. Schernikow wurde darauf zum königlichen Hoflieferanten ernannt.

 

Frierich Joachim Schernikow verstarb 1875. Sein Geschäft übernahm sein Neffe Fritz Gerecke. Ein anderer Neffe, der Sohn von Fritz Schernikows Bruder Karl, Emil Schernikow, erbte ebenfalls und gründete an der Ecke Gr. St. Ilsenstraße-Schulwall eine Konditorei und Baumkuchenbäckerei. Anlässlich der Hofjagd in Letzlingen lieferte er einen mit einer wunderbaren Jagdgruppe aus Tragant und oben mit dem preußischen Adler verzierten Baumkuchen, worauf ihn Kaiser Friedrich Wilhelm I .zum königlichen Hoflieferanten ernannte.

 

Im Hotel "Schwarzer Adler", dem Stammhaus der Salzwedeler Baumkuchen, wurden die Baumkuchen weiter gebacken, auch als sich der zu Genthin geborene Kaufmann Franz Wilhelm Carl Beckmann am 26.11.1844 mit Friederike Agathe Henriette Lentz, einer Schwester von Mamselle Louise, verheirate und später das Hotel übernahm.

 

Emil Schernikow hatte zu der Zeit einen Kompagnon Peters. Dieser wurde aber bald abgefunden und ging nach Magdeburg, wo er das "Cafe Peters" am Breiteweg aufmachte. Später zog sich Peters nach Salzwedel zurück und erbaute das Gebäude Breite Str. 3. Nach seinem Tode führte die Witwe die Baumkuchenbäckerei noch eine Weile fort, aber auch dieses Geschäft blieb erfolglos. Emil Schernikow und mit ihm sein alter Werkmeister Deeling führten durch erstklassige Fabrikate den Salzwedeler Baumkuchen zum Weltruhm.

Im Jahre 1920 wurde das Unternehmen A. F. Schernikow und 1928 das Unternehmen E. Schernikow

von Fritz Kruse aufgekauft. Unter dem Namen "Vereinigte Baumkuchenfabriken" war die gesamte Salzwedeler Baumkuchenbäckerei in einer Hand vereinigt. Bis zum Beginn des zweiten Weltkrieges wurde weiterhin in großem Umfang produziert und verschickt. Nach 1939 kam die Produktion dann weitgehend zum Erliegen.

 

Nach dem 2. Weltkrieg entwickelte sich langsam wieder die Baumkuchenfabrikation. 1945 stirbt Fritz Kruse, seine Frau übernimmt mit Tochter Gertrud die Bäckerei und das Café. 1958 werden Mutter und Tochter enteignet, ihnen wird Baumkuchenversand in die BRD vorgeworfen. Frau Kruse kommt ins Gefängnis, Tochter Gertrud arbeitet im enteigneten Familienbetrieb weiter. 1984 vererbt sie Oskar Hennig das legendäre "Conditorei-Buch" von 1807 vom, Stammvater des "Schernikowschen Baumkuchenens."

 

Nach der Wiedervereinigung bildete sich aus dem VEB-Betrieb die Salzwedeler Baumkuchen GmbH (Baumkuchen nach Louise Lentz) und aus dem KONSUM über die Firma Mideu die Salzwedeler Baumkuchenbetriebe Bosse GmbH. Die PGH ging in Liquidation. Wiedergegründet wurde die Erste Salzwedeler Baumkuchenfabrik "Oskar Hennig".

1993 verkaufte Familie Hennig das Café "Kruse" an die Familie Wullschläger. Seit dem Jahr 2000 führt die Tochter von Oskar Hennig, Bettina Hennig, die Erste Salzwedeler Baumkuchenfabrik in seinem Namen weiter.